2011 war ein kulturpolitisch erfolgreiches Jahr. Geben Sie uns einen Ausblick auf das kommende Jahr – wo liegen Ihre Schwerpunkte 2012?
Claudia Schmied: Ein großer Schwerpunkt ist die Kunst- und Kulturvermittlung. Wir werden sie noch weiter ausbauen und 2012 etwa 13 Millionen Euro investieren und zwar über Schulkulturbudgets, über Vermittlungsprogramme wie MachtSchuleTheater oder culture connected und zahlreiche weitere Initiativen. Es geht darum, junge Menschen mit Kunst und Kultur in Verbindung zu bringen. Kunst und Kultur sind für Persönlichkeitsbildung und ein erfülltes Leben unverzichtbar. Umfragen zufolge sehen 70 Prozent der österreichischen Bevölkerung ein Einsparungspotential bei Kunst und Kultur, wenn gespart werden muss – und das obwohl wir uns gerne als „Kulturnation“ bezeichnen. Auch deshalb halte ich die Vermittlungsarbeit für ganz entscheidend. Kunst und Kultur muss uns etwas wert sein. Kunst und Kultur will finanziert sein.
Ein kulturpolitischer Schwerpunkt liegt im Bereich der Nachwuchsförderung. Der Erfolg dieser Maßnahme zeigt sich z.B. bei den neu eingeführten Startstipendien. Auch möchte ich die künstlerische Qualität und die Künstlerinnen und Künstler selbst sichtbar machen, ihre öffentliche Wahrnehmung steigern. Mit der Verleihung der Outstanding Artist Awards setzen wir ein beachtetes Zeichen – Wertschätzung unseren Kunstschaffenden!
Ein besonderes Anliegen ist mir der österreichische Film. Ich setze mich dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für den österreichischen Film ständig verbessert werden. Im Filmbereich ist es wichtig, die Digitalisierung der Programm- und Regionalkinos voranzutreiben. Es geht ja nicht nur um die Produktion, sondern die Filme sollen ja auch das Publikum erreichen. Wenn die Regionalkinos nicht digitalisiert werden, wird es sie bald nicht mehr geben. Hier sind auch die Wirtschafts- und EU-Regionalförderung gefragt. Auch brauchen wir bessere Sendezeiten im ORF für den österreichischen Film.
Bei den Museen haben wir nach der Eröffnung des 21er Hauses nächstes Jahr eine weitere Großinvestition: die Wiedereröffnung der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums. Sie ist weltweit einzigartig und beinhaltet Werke von höchstem künstlerischem, materiellem und technischem Anspruch. Die Kunstkammer wird in neuem Licht zeitgemäß und nach modernsten Vermittlungsgesichtspunkten präsentiert werden. Die Eröffnung ist für Ende 2012 geplant.
Die Arbeiten am Büchereientwicklungsplan werden im ersten Halbjahr 2012 weitergeführt, sodass die mit der Einführung von Förderrichtlinien begonnene Qualitätssteigerung im öffentlichen Büchereiwesen fortgesetzt wird.
Ein weiteres wichtiges Thema ist der Bereich Gender Budgeting. Wir sind die ersten im Rahmen der Wirkungsanalyse des neuen Haushaltsrechts, indem wir den Kunstbereich als Pilotprojekt umsetzen und realisieren. Dabei geht es mir aber nicht nur um statistische geschlechtsspezifische Datenauswertungen, sondern zum Beispiel auch um Personalbesetzungen. Das heißt für mich verstärkt ein Augenmerk darauf zu legen: Wie sind Beiräte besetzt, wo haben wir Frauen in Führungspositionen, welche Künstlerinnen entsenden wir zu Biennalen, wer übernimmt Leitungsfunktionen.
Künstlerinnen stehen auch beim heuer erstmalig stattgefundenen Mentoring-Programm im Fokus. Was waren die Gründe?
Claudia Schmied: Weibliche Kunstschaffende sind nach der Studie zur sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich nach wie vor in vielen Bereichen benachteiligt. Gespräche in den interministeriellen Arbeitsgruppen zeigten das Erfordernis eigener Instrumente zur Entwicklung der Karrieren von Frauen im Kunstbereich. Das war ausschlaggebend, dass wir als Pilotprojekt ein Künstlerinnen-Mentoring-Programm durchführten: ein Programm von Frauen für Frauen, von Künstlerinnen für Künstlerinnen, die bereits über eine gewisse Projekterfahrung verfügen und sich im beruflichen und persönlichen Bereich weiterentwickeln wollen.
Welches Ergebnis hat dieses Programm gebracht, welche Erfahrungen wurden dabei gemacht?
Claudia Schmied: Es war für alle Beteiligten ein großer Erfolg. Alle Mentorinnen und Mentees waren begeistert, die Ziele wurden zu einem hohen Prozentsatz erreicht. Der angestrebte Know-how-Transfer von erfahrenen Künstlerinnen und im Kunst- und Kulturbereich etablierten Frauen zu jüngeren Künstlerinnen hat gut funktioniert. In sämtlichen Kunstsparten wurden die Beratungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zur Vermittlung von Wissen und Erfahrung professionell umgesetzt, die Mentees wurde gestärkt, die jungen Künstlerinnen in die künstlerischen Netzwerke ihrer Mentorinnen gut eingebunden. Sie profitierten von den persönlichen Erfahrungen ihrer Mentorinnen, erhielten Hilfestellung bei Entscheidungsfindungen und erarbeiteten sich Lösungsmöglichkeiten bei Problemen. Aufgrund der gesammelten Erfahrungen werden wir dieses Programm 2012 weiterführen. Besonders bemerkenswert fand ich das Statement einer Mentee, die bei der Abschlussveranstaltung meinte, sie sei nicht nur beruflich vorangekommen, sondern auch im menschlichen Bereich.
Zuletzt gab es kritische Kommentare der Interessenvertretungen zu Ihrer Kulturpolitik? Ihr Kommentar dazu?
Claudia Schmied: Mir ist eine gute Zusammenarbeit mit den Interessenvertretungen wichtig. Bei unserem Treffen im November konnten wir unsere Positionen austauschen. Mir geht es um Fundamente und Rahmenbedingungen, um Wertschätzung und Respekt, und darum, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten das Optimum – in dem Fall für die Künstlerinnen und Künstler – zu tun. Es gibt Themen, bei denen wir gemeinsam Verbesserungen schon erreicht haben und erreichen können. Das nächste Treffen haben wir schon vereinbart. Ich freue mich vor allem auf die Unterstützung der IG´s bei der Verankerung von Kunst und Kultur in den Bundesländerprogrammen zu den EU-Strukturfonds.
Vor kurzem ist die 54. Biennale in Venedig zu Ende gegangen. Wie sehen Sie den österreichischen Beitrag?
Claudia Schmied: Kommissärin Eva Schlegel und dem von ihr ausgewählten Künstler Markus Schinwald ist es gelungen, ein modernes, kritisches und zeitgemäßes Zeichen für Österreich zu setzen. Das ist ein schöner Erfolg, denn die Biennale ist eine weltweit hoch angesehene Kunstaustellung, eine der wichtigsten internationalen Veranstaltungen für zeitgenössische bildende Kunst. Das große Interesse am Österreich-Beitrag zeigt sich auch darin, dass über 411.000 Menschen die Kunstaustellung besucht haben, das ist ein Besucherplus von 20% gegenüber der letzten im Jahr 2009. Markus Schinwalds Beitrag lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf das zeitgenössische Kunstschaffen in Österreich und überzeugte durch seine Kraft und künstlerische Konsequenz. Die klare und selbstbewusste Handschrift des österreichischen Beitrags verdeutlicht die befruchtende und erfolgreiche Zusammenarbeit der Kommissärin Eva Schlegel mit dem Künstler Markus Schinwald. Ich danke beiden für ihre überzeugende und Hand in Hand greifende Arbeit. So ist es möglich, die zeitgenössische Kunst in ihrer Funktion als Spiegel der pluralistischen Gesellschaft unserer Zeit zu präsentieren. Kunst ermöglicht uns neue und alternative Perspektiven und ist damit ein wichtiger Motor zur Weiterentwicklung.
Wann wird wieder österreichische Kunst in Venedig zu sehen sein?
Claudia Schmied: 2012 findet die 13. Architektur-Biennale in Venedig statt. Arno Ritter wird als Kommissär den Österreich-Beitrag inhaltlich bestimmen. Im Mittelpunkt seiner Betrachtung stehen der Mensch und seine Wahrnehmung von Architektur und Raum. Ihn interessieren die gesellschaftlichen Bedingungen der Raumproduktion sowie Planungsprozesse, die Lebensqualität generieren. Qualitätsvolle Architektur setzt er in Verbindung mit Raumerlebnis, Lebensgefühl und Alltagspraxis. Ich freue mich schon auf die gemeinsame Pressekonferenz am 2. März 2012, bei der er sein Konzept für den österreichischen Beitrag zur 13. Architektur-Biennale präsentieren wird.
Im November eröffneten Sie das 21er Haus ….
Claudia Schmied: Ja, und mir ist wichtig zu betonen: Das 21er Haus ist eines der größten Infrastruktur-Projekte meines Hauses und es ist uns gelungen, dieses Projekt gemeinsam mit der Geschäftsführung des Belvedere gut abschließen zu können.
Wie wird das neue Haus für Kunst die Kulturszene bereichern?
Claudia Schmied: Im Bereich der Bundesmuseen haben wir mit dem 21er Haus einen repräsentativen Raum, der vor allem auch der jüngeren Kunst aus Österreich eine neue Plattform bietet. Die Wiedereröffnung dieses bedeutenden Bauwerks markiert einen Meilenstein für die zeitgenössische Kunst in Österreich. Die Österreichische Galerie Belvedere verfügt nun in unmittelbarer Nähe zu ihrem Stammhaus über ein Haus, das vorrangig der österreichischen Kunst von 1945 bis heute gewidmet ist. Weite und Offenheit sind bestimmende Attribute der herausragenden Architektur.
Wie ist das neue 21er Haus eingerichtet? Was nimmt der Bau alles auf?
Claudia Schmied: Auf großzügig dimensioniertem Raum wird das Belvedere Zeitgenössisches aus Österreich im internationalen Kontext zeigen und vermitteln. Durch den Einzug des Wotrubaarchivs wird das 21er Haus auch ein Brennpunkt der zeitgenössischen Skulptur und Plastik. Auch die Artothek des Bundes wird hierher übersiedeln. Das 21er Haus steht an einer städtebaulichen Schnittstelle. Große Infrastrukturprojekte wie der Zentralbahnhof in unmittelbarer Nachbarschaft sind derzeit im Entstehen. Das Potenzial des 21er Hauses im Kontext der umgebenden Stadtplanung ist sehr groß. Die Lage, direkt an einem zentraleuropäischen Hauptverkehrsknoten, ist einzigartig. In unmittelbarer Nachbarschaft entstehen Wohn- und Büroflächen in großem Umfang und mit hohem architektonischem Anspruch. Zugleich handelt es sich durch die Lage am Schweizer Garten um ein Museum im Grünen. Museen sind wunderbare Orte, um die Freizeit zu verbringen, sei es am Wochenende, nach der Arbeit oder auch in einer Mittagspause. Als Ort der Kommunikation und des sozialen Zusammentreffens kann das neue 21er Haus für das neue Stadtviertel und seine Bewohnerinnen und Bewohner eine integrative Funktion entfalten. Schließlich erweitert das 21er Haus die Museumsmeile, die von der Orangerie am Rennweg über die barocken Gärten und das Schloss des Prinzen Eugen bis über den Gürtel hinaus zum Heeresgeschichtlichen Museum reicht. Ein großer Erfolg ist der Freie Eintritt in Bundesmuseen bis zum 19. Lebensjahr. Auch der Bereich „Vermittlung“ gewinnt an Bedeutung.
Welche Zwischenbilanz ziehen Sie nach zwei Jahren?
Claudia Schmied: Die Vermittlungsangebote unserer Bundesmuseen werden laufend weiterentwickelt und ständig erweitert. Die Vielfalt wächst. Die Angebote werden immer differenzierter und auf Zielgruppen abgestimmt. Vergleichen Sie die Situation heute mit jener vor fünf bis zehn Jahren. In Kombination mit dem freien Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 19, der in allen Bundesmuseen seit 2010 gilt, schafft die Vermittlungsarbeit Nachhaltigkeit. Damit leisten wir einen starken Beitrag zur Öffnung unserer Kulturinstitutionen. Der Begriff „Vermittlung“ ist mehr und mehr etabliert in Österreich. Ich bin stolz auf die Leistungen in den Bundesmuseen, von denen ich mich bei meinen Museumsbesuchen überzeuge.
Frau Bundesministerin, Sie haben das Anliegen formuliert, dass jede Schule in Österreich bis 2013 eine Kunst- und Kulturpartnerschaft mit einer Kultureinrichtung eingehen soll. Wie ist der Stand? Sind Sie zufrieden?
Claudia Schmied: Ja, das ist mein Ziel. Bei den Bundesschulen haben wir das Ziel zu 50 Prozent erreicht. Wir müssen uns ehrgeizige Ziele vornehmen. Ich halte die Zusammenarbeit von Schulen und Kultureinrichtungen für ganz wichtig. Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, die ein aufeinander zugehen erleichtern und gegenseitiges Interesse stimulieren. Viele Projekterfahrungen zeigen, dass es zu einem anregenden Austausch kommt, wenn Schule und Kulturschaffende sich direkt und vertieft miteinander auseinandersetzen. Beide Seiten profitieren.
Welche Beispiele für Kulturpartnerschaften gibt es?
Claudia Schmied: Sehr erfolgreich ist unser Programm MachtSchuleTheater. Schülerinnen und Schüler arbeiten dabei mit Theaterleuten während eines ganzen Schuljahres zusammen. Im Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung stehen die Themen Gewalt und Gewaltprävention. Unter professioneller künstlerischer Leitung erarbeiten die SchülerInnen eigene Produktionen. Die Jugendlichen werden umfassend in die Abwicklung des ganzen Projekts involviert. Das „Aktiv-dabei-sein“ wird gefördert. Die erarbeiteten Theaterstücke werden schließlich in Theaterhäusern in ganz Österreich gezeigt.
Ich wünsche mir mehr Projekte dieser Art und Kulturpartnerschaften mit Schulen. Im aktuellen Schuljahr läuft unsere österreichweite Initiative culture connected an, mit der wir den Prozess des Aufeinanderzugehens fördern. Die Initiative zeichnet sich durch besondere Offenheit bei der inhaltlichen Gestaltung der Projekte aus. Alle, die gute Ideen haben, sind eingeladen, diese einzubringen.